Das Jenische – Verständigungsmittel einer verdrängten Kultur (Teil 2)
Thursday, July 1st, 2010Der zweite Teil des hier wiedergegebenen Artikels stammt von Manfred Wieninger und ist im EXTRA Lexikon der Wiener Zeitung am Freitag, den 10. September 2004 erstmals erschienen.
“Denn die tiefe Abneigung, ja der Hass der Obrigkeiten auf die umherziehenden und damit der staatlichen Kontrolle kaum zu unterziehenden Jenischen ist keine Erfindung der NS-Ära. 1857 etwa richtete das k. k. Bezirksamt Melk eine Denkschrift an die “hohe Staatsverwaltung” und forderte darin nichts weniger als die Auflösung der damaligen Pfarrgemeinde Sitzenthal bei Loosdorf und die Vertreibung ihrer jenischen Bewohner: “Der Existenz dieser lebensunfähigen Gemeinde Sitzenthal in ihrerjetzigen Gestaltung [ist] ein Ende zu machen. Wenn an der Stelle dieser beinahe heidnischen Vagabundenhorde das Dorf von wenigen, aber fleißigen Arbeiter-Familien bewohnt wäre, welche reichlichen Erwerb fänden, so würde dieses Dorf statt einer Landplage eine Wohltat für unsere an fleißigen Handarbeitern ohnedies großen Mangel leidende Gegend (sein).”

Jenische im Jahr 1928 in der Schweiz – (c) Wikipedia
Dieses Dokument des Hasses – das 1865 in den “Blättern für Landeskunde von Nieder-Oesterreich” publiziert worden ist, was als Zustimmung maßgeblicher Schichten zu den wüsten Ausführungen der beamteten Autoren gedeutet werden kann – richtete sich mit aller Schärfe gegen die heutige Loosdorfer Katastralgemeinde Sitzenthal: “Das Dorf zählt 21, größtentheils elende Hütten und Häuser, und außer den paar Quadratklaftern Grund, worauf dieselben erbaut sind, gehört dazu auch nicht das kleinste Stück Hausgrundbesitz. Dennoch kann man, so unglaublich dies scheinen mag, die jeweilig anwesende Bevölkerung von Sitzenthal auf beinahe 200 Seelen annehmen, während die Zahl der in diese Gemeinde zuständigen, welche aber wegen des vagabundierenden Lebens derselben schwer zu eruieren ist, gegen 600 Köpfe betragen soll.”
“Schwer zu eruieren” für die Obrigkeit blieben die Jenischen bis heute, misstrauisch gegen die Gadschi, die Nicht-Jenischen, die nie auch nur das geringste Verständnis für die Mühen eines Leben auf der Landstraße aufbringen konnten. Auch die in gesicherter, bürgerlicher Existenz lebenden, in der geschützten Werkstätte ihres Bezirksamtes werkenden Melker Juristen hatten für die gänzlich andere Lebensform nur Verachtung und Verleumdung übrig: “(. . .) fast die ganze Bevölkerung besteht aus herumziehenden Strazzensammlern, ein Geschäft, welches ziemlich einträglich sein könnte. Da diese Leute jedoch von Kindheit an, an ein müßiges Vagabundenleben gewöhnt sind, so betreiben sie auch dieses Geschäft nur so lange, bis sie etwas Geld verdient haben, womit sie dann nach Hause zurückkehren, und sich, so lange das Geld reicht, der gränzenlosesten Faulheit überlassen.” Im Übrigen dürfte mit dem mühseligen Sammeln von Lumpen noch keiner wirklich wohlhabend geworden sein, einträglicher war der gehobene Verwaltungsdienst in einer Bezirkshauptmannschaft allemal.
Zwangsmaßnahmen
Gingen die NS-Behörden gegen die Jenischen vor allem auf der Basis ihrer verworrenen und pseudowissenschaftlichen Rassenlehre vor, so schützte die k. k. Obrigkeit vor allem religiös-moralische Argumente vor, um Zwangsmaßnahmen gegen die jenischen Untertanen ergreifen zu können: “Wie der Herr Pfarrer von Loosdorf als Seelsorger bezeugen kann, ist in Sitzenthal die Zahl unehelicher Kinder bei weitem überwiegend, Konkubinate gibt es bei weitem mehr als Ehen, ja es gibt mehrere Beispiele von 2 bis 3 unehelichen Generationen. Dabei kommen häufig blutschänderische Verhältnisse in den nächsten Verwandschaftsgraden vor. Die meist unehelichen Kinder werden von ihren lüderlichen Eltern von Geburt an in der Welt herumgeschleppt; von Schul- und Kirchenbesuch oder von Religionsunterricht ist fast durchgehends keine Rede. In gänzlicher Unwissenheit, unter den empörendsten Beispielen von Roheit und Unsittlichkeit wachsen diese Kinder auf, und werden von ihren Eltern bloß in Betteln und Stelen unterrichtet.”



















