Das Jenische – Verständigungsmittel einer verdrängten Kultur (Teil 1)
Entdeckt im Archiv der Wiener-Zeitung wollen wir Ihnen die Geschichte der Jenischen in 3 Teilen etwas näherbringen. Der hier zitierte Artikel stammt von Manfred Wieninger und ist im EXTRA Lexikon der Wiener Zeitung am Freitag, den 10. September 2004 erstmals erschienen. Weitere Informationen finden Sie in unserer Artikelserie “Die Sprache der Jenischen – ein kleines Wörterbuch”.
“Franz K., Gemeindebediensteter im niederösterreichischen Loosdorf, hatte sein Erweckungserlebnis als Jenischer bei einem Urlaub in Oberitalien. Auf einem Straßenmarkt in einer Kleinstadt kam er mit einem italienischen Händler ins Gespräch. Erst nach einer Viertelstunde intensiver Verhandlungen und durchaus gelungener Kommunikation stellte Franz K. mit einigem Erstaunen fest, dass er ja kein Wort Italienisch könne und sein Gesprächspartner kein Deutsch.

Bild: Jenische um 1900 in der Ostschweiz – (c) Wikimedia Commons
Trotzdem hatte die Verständigung ganz prächtig geklappt, ohne dass man Hände oder Füße, also Gestik und Pantomimik, hätte zu Hilfe nehmen müssen. Der Grund für diesen überraschenden Kommunikationserfolg: Der Loosdorfer hatte einfach mehr oder weniger automatisch Wörter und Wendungen benützt, die er in seiner Kindheit von seinen Großeltern gehört und bis dahin für eine Art von spleenigen Loosdorfer Dialekt gehalten hatte – und war seltsamerweise verstanden worden. Die weithin unbekannte und an keiner Schule, keiner Universität gelehrte Weltsprache “Jenisch”, europäische Lingua franca der Fahrenden seit dem späten Mittelalter, hatte sich wieder einmal bewährt.
Der Hass der Obrigkeiten
In aller Öffentlichkeit “Jenisch zu baaln” – also Jenisch zu sprechen -, hätte Franz K. vor sechs Jahrzehnten noch nach Auschwitz oder in ein anderes Konzentrationslager bringen können. Als angebliche “Asoziale”, “verwahrloste Jugendliche” “Zigeunermischlinge” oder “Kriminelle” gerieten nämlich in der NS-Zeit viele Jenische in die Fänge des braunen Terrorapparates, etwa des “Kriminalbiologischen Institutes der Sicherheitspolizei im Reichssicherheitshauptamt”, und hatten mit dem Schlimmsten zu rechnen.
Nicht nur wegen der brutalen Verfolgung im SS-Staat sind die Nachkommen der Jenischen, deren Zahl allein in Österreich, Deutschland, der Schweiz und Frankreich auf einige Hunderttausend geschätzt wird, Meister der Mimikry, der bürgerlichen oder kleinbürgerlichen Unauffälligkeit, ja der Tarnung inmitten einer Gesellschaft, die ihren Vorfahren Jahrhunderte lang eher unfreundlich gesonnnen war. Denn die tiefe Abneigung, ja der Hass der Obrigkeiten auf die umherziehenden und damit der staatlichen Kontrolle kaum zu unterziehenden Jenischen ist keine Erfindung der NS-Ära…
Fortsetzung folgt.
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